DR. ROMAN BRAUN IM „ECHO“: Toxische Positivität: Wenn „positives Denken“ krank macht – und wann es wirklich hilft

Toxische Positivität „Denk positiv!“ – kaum ein Ratschlag klingt so harmlos, fast fürsorglich. Doch was gut gemeint ist, kann zur Last werden. In einem Interview im ECHO erklärt Dr. Roman Braun, Mentaltrainer und NLP-Coach, warum positives Denken nicht automatisch gesund ist und wie es in eine Falle führen kann. Seine Gedanken greifen ein Thema auf, das viele Menschen im Alltag spüren: der Druck, immer gut gelaunt und stark zu wirken.

Wenn Lächeln zur Maske wird – Toxische Positivität

Stell Dir vor, Du kommst nach einem anstrengenden Tag nach Hause, völlig erschöpft. Dein Kopf dröhnt, im Bauch liegt eine stille Sorge. Und dann sagt jemand: „Na komm, denk positiv!“ – als wäre damit alles erledigt. Für einen Moment mag es Dich sogar anspornen. Doch tief innen weißt Du, dass das Problem damit nicht verschwindet. Genau das bezeichnet Braun als toxische Positivität: Wenn gute Stimmung nicht genutzt wird, um ins Handeln zu kommen, sondern dazu dient, Schmerzen zuzudecken. „Es ist, als würde man ein Pflaster auf eine schmutzige Wunde geben“, sagt er. Kurz fühlt es sich leichter an, langfristig aber staut sich der Druck.

Positive Energie – Werkzeug oder Droge?

Dr. Braun unterscheidet klar: Positive Gefühle sind wichtig. Psychologisch spricht man vom „Happiness Advantage“. Schon kleine Gesten – ein Lächeln, ein aufrechter Gang, bewusste Dankbarkeit – heben unsere Stimmung und machen uns leistungsfähiger. Doch kippt diese Energie in Selbstzweck, wird sie zur Droge. Statt Probleme zu lösen, benutzen wir sie, um sie nicht zu spüren. Wer ständig Ablenkung sucht, läuft Gefahr, sich von seinen eigentlichen Bedürfnissen zu entfernen. NLP nennt das ein Muster der Verdrängung: Das Gehirn lenkt die Aufmerksamkeit weg von Schmerz, doch die ungelösten Themen bleiben bestehen und drängen irgendwann umso stärker ins Bewusstsein.

Was unterdrückte Gefühle mit uns machen

Toxische Positivität – Negative Gefühle haben ihren Sinn. Dr. Braun betont, dass sie wie ein innerer Kompass wirken: Sie zeigen an, wenn etwas nicht stimmt. Wer sie dauerhaft verdrängt, lebt gegen diesen inneren Wegweiser. Studien bestätigen, dass unterdrückte Emotionen nicht verschwinden, sondern sich im Körper ablagern und verstärken. Vielleicht kennst Du das: Ein unausgesprochener Ärger verwandelt sich in Verspannung im Nacken. Eine nicht gelebte Trauer drückt aufs Herz. Es ist, als würde die Psyche ein stummes Tagebuch führen – und irgendwann liest der Körper daraus vor.

In der Coachingpraxis zeigt sich das oft: Manche Klienten wünschen sich „Psychotricks“, um weniger zu spüren. Doch das ist wie Betäubung. Der eigentliche Weg liegt darin, die Signale zu verstehen und in Bewegung zu bringen – nicht sie zu übertönen.

Vom Grübeln zur Dankbarkeit

Wie gelingt der Ausstieg aus diesem Muster? Dr. Braun beschreibt einfache, wirksame Wege. Dein Körper kann Stimmung verändern: ein bewusster Atemzug, eine offene Haltung, ein aufrechtes Gehen. Auch Meditation oder kleine Auszeiten im Alltag helfen. Besonders stark wirkt die richtige Frage. Statt Dich zu verlieren im „Warum ist alles so schwer?“, frage Dich: „Wofür bin ich dankbar? Wen liebe ich – und wer liebt mich?“ Dankbarkeit, so zeigen Studien, ist eines der wirksamsten Mittel gegen innere Schwere.

Eine weitere Quelle sind gute Taten. Interessanterweise fühlen wir uns nach einem Gefallen für andere nicht nur im Moment besser, sondern anhaltend – oft über Stunden. Positivität, die in Handeln umgesetzt wird, wirkt nachhaltig. Hier wird deutlich: Wahre Stärke entsteht nicht durch das Verdrängen, sondern durch das Gestalten.

Negative Gefühle als Verbündete

Dr. Braun beschreibt Toxische Positivität mit negative Emotionen als „Stoppsignale“. Sie laden ein, innezuhalten und zu prüfen: Was stimmt gerade nicht? Welches Bedürfnis meldet sich? In der Sprache des NLP ist das Reframing – der Rahmen, in dem wir Gefühle sehen, verändert ihren Sinn. Aus einer Last wird ein Hinweis. So kann Wut zur Kraft werden, Trauer zur Tiefe, Angst zur Vorsicht.

Entscheidend ist der Umgang: Empathie statt Beschwichtigung, Verständnis statt Bagatellisierung. Wirkliche Unterstützung entsteht, wenn wir Gefühle anerkennen, statt sie zu übertönen. Darin liegt auch die Kunst des Coachings: Menschen nicht weg von ihren Emotionen zu führen, sondern mit ihnen hin zur Veränderung.

Vier Fragen zur Selbstreflexion – ohne Toxische Positivität

  • Wann hast Du Dich zuletzt dabei ertappt, ein unangenehmes Gefühl „wegzudrücken“?
  • Wo nutzt Du Positivität, um Dich zu stärken – und wo, um Dich abzulenken?
  • Welche kleine Dankbarkeitsfrage könntest Du Dir heute stellen?
  • Welche negativen Gefühle in Deinem Leben könnten als Kompass verstanden werden?

Die Einladung

Positives Denken ist keine Lüge, wenn es in Bewegung führt. Es wird nur dann toxisch, wenn es zur Maske wird. Roman Braun bringt es auf den Punkt: „Wir sollten die positive Stimmung produktiv und positiv nutzen und in Ergebnisse umwandeln. So haben wir die Möglichkeit, uns wie Münchhausen am eigenen Zopf aus dem Sumpf der schlechten Stimmung zu ziehen.“

Vielleicht magst Du für Dich prüfen, wie Du Deine Emotionen heute nutzt. Im NLP-Kompakt üben wir genau das: die eigene Stimmung lenken, ohne sie zu verdrängen. Wenn Dich dieses Thema anspricht, könnte es der nächste Schritt auf Deinem Weg sein.

FAQ zu toxischer Positivität

Was genau bedeutet toxische Positivität?

Sie beschreibt die Haltung, negative Gefühle nicht zuzulassen und stattdessen zwanghaft positiv zu sein. Das führt dazu, dass echte Bedürfnisse übersehen werden und Probleme ungelöst bleiben.

Ist positives Denken also schlecht?

Nein, im Gegenteil. Positivität ist eine starke Ressource. Entscheidend ist der Zweck: Wird sie genutzt, um ins Handeln zu kommen, ist sie hilfreich. Wird sie als Ablenkung gebraucht, ist sie schädlich.

Wie erkenne ich, ob ich toxisch positiv bin?

Wenn Du merkst, dass Du unangenehme Gefühle sofort überspielst, Dich ständig ablenkst oder andere mit Sprüchen wie „Alles halb so schlimm“ vertröstest, könnte es ein Hinweis sein.

Wie kann ich gesund positiv bleiben?

Indem Du Gefühle zulässt, Dankbarkeit praktizierst, Körper und Gedanken bewusst einsetzt und Positivität in Taten verwandelst. Das schafft Stabilität statt Flucht.

Roman Braun - Trinergy - NLP - Coaching - Mann mit Jacke über der Schulter, freundlich lächelnd.

Autor

Dr. Roman Braun

  • Erster NLP Master-Trainer in Österreich
  • Entwickler des Trinergy® NLP und der Akupulsur
  • Bestseller-Autor
  • Rhetorik-Trainer österreichischer Olympia-Sportler
  • Mentalcoach von Weltcupsiegern, Spitzenpolitikern und Weltmeistern
  • uvm.
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